„Nazis Raus!“ – Ja, wohin denn?

„Nazis Raus!“
Heute möchte ich mich der simpelsten, einprägsamsten, aber auch stupidesten Demoparole, die eigentlich bei jeder Aktion gegen Nazis und Rassisten verwendet wird, widmen:
„Nazis Raus!“
Häufig auch in folgender Variante: „Nazis Raus! Nazis Raus! Nazis, Nazis, Nazis -Raus! Raus! Raus!“.
Fast jede Person hat die Parole irgendwann schon einmal zu Ohren bekommen, oder irgendwo an Wänden, auf Aufklebern etc. gelesen.
Wenn man dann einmal „Nazis Raus!“ bei Youtube eingibt findet man dazu 279 Videos, darunter auch einige Musikvideos zu Liedern mit dem Titel „Nazis Raus“ und auch Google ist häufig fündig: 202.000
Das erste Suchergebnis bei Google verändert die Parole sinnvoll: Nazis Raus aus dem Internet!
Diese Aussage ist eindeutig und auch durchaus unterstützenswert, auch wenn das ganze von der „Linken“ betrieben wird, die mir sonst nicht immer so sympathisch ist.
Widmen wir uns also nun einmal der ursprünglichen Parole.
„Nazis Raus!“. Was besagt dieser Spruch überhaupt? Damit eine Parole etwas bewirken kann, muss sie ja eine klare Aussage haben, denn sonst kann sie schließlich nichts, jedenfalls nichts positives, in den Köpfen bewegen. Die Aussage bei „Nazis Raus!“ scheint auf den ersten Blick eindeutig antifaschistisch orientiert zu sein, auf jeden Fall ist die Aussage für jede/n verständlich:
Nazis haben hier nichts zu suchen.
Und da wären wir bereits bei den Problemen angekommen, die diese Parole mit sich bringt.
Die Parole mag zwar gegen Nazis sein, fordert aber gleichzeitig, dass sie hier, in „unserer Heimat“ nichts zu suchen haben. Diese heimatorientierte Argumentation findet man in vielen Kreisen. Teilweise geht es soweit, dass selbst selbsternannte Linksradikale, die sonst gerne auch einmal „Nie, Nie, Nie wieder Deutschland“ von sich geben, fordern, dass alle Nazis raus aus Deutschland sollen, schließlich verderben sie „unsere“ Jugend.
Da fragt man sich doch, ob sich diese überhaupt über den Sinn der Parole bewusst sind. Schließlich ist in der Forderung „Nazis Raus!“ auch impliziert, dass Nazis abgeschoben werden sollen. Das mag nicht jede/r, die/der die Parole ruft so sehen, trotzdem gibt es durchaus nicht wenige, die diese Parole ernst meinen, und Abschiebungen für Nazis für die beste Lösung halten. Ich erinnere mich da an ein Zitat von Jan Delay(ein Sänger, von dem man halten will was man will, mag ihn selber ansich nicht soo gerne), der beim Antifaschistischen LKW-Konzert in Hamburg vor dem 1. Mai auch wiederum eine Situation zitierte. Der Wortlaut war ungefähr: „Nazis Raus“ „Ja, nur wohin? Es sind unsere Nazis, die gehören nach Deutschland.“
Kann mich nur noch grob erinnern, nur finde ich das ziemlich passend.
Ich frage mich nur wie man einerseits gegen Abschiebungen sein kann, andererseits aber trotzdem die selbe fordert. Klar, Nazis sind menschenverachtend und absolut beschissen, kein Zweifel, nur sind Abschiebungen immer scheiße und eine Folge des Nationendenkens.
Außerdem: Was sollen die Nazis z.B. in Frankreich?
Wer meint es sei besser wenn die Nazis nicht hier in Deutschland sondern in anderen Ländern ihr Unwesen treiben folgt damit dem nationalistischen Grundgedanken und möchte sein eigenes Land vor den „Parasiten“ befreien. Dieser Grundgedanke ist in Deutschland zwar ziemlich beliebt, doch muss man sich auch vor Augen halten, dass der Gedanke Deutschland vor den Nazis, den „Bösen“, sauber zu halten, dem Gedankengang der Rechtspopulisten wie z.B. Herrn Koch gilt, welcher Deutschland vor den kriminellen Ausländern „schützen“ möchte, sehr ähnelt. Schließlich soll ja in beiden Fällen das „eigene Land“ sauber gehalten werden. Die NSDAP unter Hitler wollte ja ansich das selbe, dies soll nicht den NS verharmlosen, ich möchte daran nur deutlichen machen, dass der gesamte Gedankengang sein „eigenes Land“ sauber halten zu wollen totaler Schwachsinn ist und nationalistisch hinzu.

Nazis sind überall Scheiße!
Soziale Probleme, zu denen nunmal auch die Nazis gehören, sollten nie mit Abschiebungen an andere Staaten weitergegeben werden. Nazis müssen bekämpft werden, egal wo und zu welchem Zeitpunkt. Ein einfaches „Nazis Raus!“ reicht nicht, das „Raus!“ ist die simpelste Variante Probleme aus dem eigenen Bereich zu entfernen, doch manchmal geht es eben nicht nur simpel. Nazis müssen dauerhaft bekämpft werden, ein „Raus“ gibt nur die Hoffnung preis, das Problem durch Abschiebung an andere weitergeben zu können

Verkürzte Nazikritik?
In letzter Zeit hat man öfters was von „verkürzter“ Kritik im Zusammenhang mit der Kritik am Kapitalismus gehört, ich möchte diesen Begriff aufgreifen und zeigen, wieso „Nazis Raus“ eigentlich dann logischerweise verkürzte Nazikritik sein muss.
Bei dieser Parole wird nämlich der Nazi kritisiert, diese Kritik muss nicht fundiert sein.
Das verkürzte daran ist nun aber, dass die Ideologien nicht zwangsweise kritisiert werden müssen, z.B. Ist man zwar gegen Nazis, findet den netten Antisemiten von nebenan aber „voll okey“. So ist Nazikritik teilweise nur noch symbolisch, da es den typischen Nazi gar nicht zu geben scheint. Denn unter diesem Typen stellt man sich oft einen kalten, unfreundlichen und
skrupellosen Mensch vor. Wenn man dann erfährt, dass der/die nette Schulkamerad/in ein Nazi sein soll kann man sich das überhaupt nicht vorstellen und stempelt das als Lüge ab.
Dies zeigt, dass die Kritik der Nazi-Ideologie im Vordergrund stehen sollte und nicht nur einfach gesagt werden sollte :“Nazis sind böse“.
Wenn man die Ideologien der Nazis kritisiert wird man auch schnell auf den Nationalismus stoßen, der auch bei der Parole „Nazis raus!“ impliziert ist.
Kritik an Nazis sollte daher immer fundiert sein, doch man sollte nicht nur den typischen Nazi, sondern auch den Antisemiten, Nationalisten oder homophoben Bürger kritisieren, also Leute die in ihrer Weltanschauung Teile der Ideologie der Nazis besitzen.
Sicher tun das relativ viele, das möchte ich nicht bestreiten, trotzdem gibt es sicher immer etwas zu optimieren.

„Nazis Raus!“ vs. „Ausländer Raus!“
Ein weiteres Argument, welches gegen die Parole spricht ist die Ähnlichkeit mit rassistischen Parolen wie z.B. „Ausländer Raus!“. Kein Wunder, dass man Rechte und Linke nicht mehr voneinander unterscheiden kann, wenn dann die Parolen auch noch gleich klingen.
Schließlich hört man das „Raus!“ meistens am lautesten, da dort die meisten mitbrüllen…
Für Passanten wird zwischen dem einen oder anderen auf so mancher Demo der Unterschied nicht deutlich werden. Natürlich möchte ich hiermit die Parolen nicht gleichsetzen, das wäre einfach nur falsch und Nazi-verharmlosend! Man kann ebenfalls auch nicht jeden der „Nazis Raus!“ ruft als Nationalisten bezeichnen, das wäre ebenfalls unkorrekt, viele sind sich wohl einfach nicht bewusst was die Parole impliziert.
Die akustische Ähnlichkeit bleibt natürlich kein Hauptargument, viel entscheidender ist einfach die Tatsache, dass man sich mit „Raus!“ ins nationalistische Nationendenken einreiht.
Nun mag ein mancher der Meinung sein, dass Nazis durchaus überall beschissen sind, man mit der Parole aber nicht umbedingt zum Ausdruck bringen möchte, dass Nazis nur in Deutschland nicht erwünscht sind. Nun gut, dann ist da wenigstens etwas Einsicht vorhanden, doch der Beigeschmack bleibt, denn die Parole drückts nunmal so aus, auch wenn sie sicher dehnbar interpretierbar ist.

Ich möchte mit diesem Eintrag nur ein wenig zum Denken anregen, ich hoffe es hat ein wenig geklappt. Weder möchte ich den NS verharmlosen noch Nazigegner die „Nazis Raus!“ rufen als Nationalisten darstellen.

FIGHT NATIONALISM!
Für eine aufgeklärte selbstreflektierte linke Bewegung!


9 Antworten auf “„Nazis Raus!“ – Ja, wohin denn?”


  1. 1 cosmo 23. September 2008 um 14:41 Uhr

    „Soziale Probleme, zu denen nunmal auch die Nazis gehören, sollten nie mit Abschiebungen an andere Staaten weitergegeben werden.“

    wie kommst du darauf das nazis ein soziales problem seien?

    das problem an „nazis raus“ rufen, ist das was die zitronen sehr treffend umschrieben habe:
    „Wat solln die Nazis raus aus Deutschland, wat hät denn das fürn Sinn
    Die Nazis könne doch net raus, denn hier gehörn se hin.“

    nazis sind das produkt deutscher ideologier, als solche ist es also total bescheuert, zu fordern, das sie raus aus (dem sauberen toleranten blabla) deutschland sollten.

  2. 2 mors 23. September 2008 um 17:57 Uhr

    Nazis sind kein soziales Problem, sie werden durch solche erst zu dem was sie sind. Niemand kommt fremdenfeindlich zur Welt. Wenn er aber nach einer gewissen Zeit merkt, dass er keine Chance auf dem Arbeitsmarkt und auch sonst keine Alternativen hat – dann kommen ihm solche gerade recht, die die Lösung scheinbar parat haben, weil sie den wahren Verursacher dieser Probleme identifiziert haben: Den Juden, den Türken, den Schwulen, den Kommunisten und wer sonst noch alles. Und nicht zuletzt bieten die organisierten Nazis genau die sozialen Strukturen an, die der Staat immer weiter abbaut.

    An den Autor: Eine nette indy-Diskussion haste da in Gang gesetzt :)

  3. 3 el capitano 23. September 2008 um 20:03 Uhr

    Na aber sicher sind Nazis ein soziales Problem, das Feld des „Sozialen“ umfasst doch viel mehr als nur Sozialökonomie.
    Danke für den Artikel, du schreibst in ungefähr genau das, was ich mir auch schon länger denke.
    An meinen Vorschreiber: die von dir gemeinten sozialökonomischen Strukturen wurden zu nem großen Teil erst durch (NS-)Deutschland aufgebaut (vgl. Götz Aly: Hitlers Volksstaat) und durch ihren Abbau kommen soziale Utopien für die größere Masse erst wieder zu neuer Aktualität. Wäre also eigentlich ne wunderbare Sache, dieser Sozialabbau (ja, auch aus aktueller linker Sicht: we don‘t want just one cake, we want the whole fucking bakery!), nur leider hat die Opposition uns in ein paar Hinsichten wie Organisation und innere Geschlossenheit (die allerdings glücklicherweise zwischen NPD und ANs ja auch am bröckeln ist) einiges vorraus.

  4. 4 Administrator 23. September 2008 um 22:53 Uhr

    Wenn man darüber diskutieren möchte ob Nazis ein soziales Problem sind, muss man „Soziale Probleme“ wohl erstmal definieren.

    @Cosmo:
    Das Zitat ist wirklich sehr passend. Muss ich mir gleich mal notieren.

    @mors: Die These, dass nur „Versager“ Nazi werden find ich unangebracht. Es gibt auch viele die einfach was verändern wollen und halt nur bezogen auf ein land. Begrenztes Denken also…
    Ja, die Diskussion war/ist echt interessant, hät ich nicht erwartet, dass so viele Stellung beziehen. Habe dadurch auch nochmal andere Perspektiven kennengelernt, die mir bisher fremd waren, und die ansich in so einen Artikel wohl auch gehören.

    @el capitano:
    Kein problem, ich hörs gerne wenn der Text jemandem gefällt.

  5. 5 mors 24. September 2008 um 8:26 Uhr

    Ich wollte die Arbeitslosigkeit/Perspektivlosigkeit nicht als einzige Ursache darstellen, das war mißverständlich. Dennoch ist es imo eine der häufigsten. Vor 33 lag auch ne Wirtschaftskrise, den Leuten ging es schlechter als sonst.

    @el capitano: 1) Ich kann mich nicht darüber freuen wenn sich die Lebensverhältnisse von Menschen und deren Möglichkeiten zum gemeinschaftlichen Leben verschlechtern. Egal wer die Sachen erst eingeführt hat und wer sie abschafft. Dass wir davon profitieren könnten ist mir etwas zu zweckmäßig gesehen.
    2) Will ich die Leute doch nicht mit irgendwelchen sozialen Angeboten „Ködern“, wie es eben Nazis und radikale Religiöse tun – sondern sie mit Argumenten von unserer Sache überzeugen. Dass schließt Unterstützung in bestimmten Lebenslagen jedoch nicht aus, da sind uns die Faschos wirklich vorraus…

  6. 6 cosmo 24. September 2008 um 17:50 Uhr

    @ el capitano
    die krisen theorie ist doch auch ziemlich schwach.
    vom kommunismus müßen menschen rational überzeugt werden, wenn ich schauen muß wie ich an mein fressen komme, habe ich bestimmt keine zeit mich um agitation oder theoretische diskurse zu kümmern

  7. 7 fred d. 20. April 2009 um 18:49 Uhr

    Du bist doch garantiert so ein Punk, oda?
    Ich verstehs nich, was das alles für lügen waren!

  8. 8 Joh 28. August 2010 um 12:32 Uhr

    Der theoretische Hintergrund, den du darlegst, ist richtig. Aber es fehlt einfach ein einigermaßen intelligenter Demospruch, der nicht Essaylänge hat.

    „Die Neo-Nazis die hier gehn: Soziales Problem! Soziales Problem!“? ist wohl nicht so einprägsam.

  1. 1 Rechte raus! « antispe Pingback am 24. September 2008 um 4:27 Uhr
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